Stigmatisierung, Simulationsvorwürfe und Selbsterkenntnis

Früher, nä, früher war alles anders. Da bin ich stundenlang shoppen gegangen, habe mich mit Freunden getroffen und in nicht enden wollenden Nächten die Sau raus gelassen. Ich war ab mittags im Stadion und habe bis in die frühen Morgenstunden meinen BVB gefeiert. Egal, ob Sieg oder Niederlage. Ich hatte einen freiberuflichen Vollzeitjob als Werbetexterin und Journalistin, ein sehr ausgefülltes Sozialleben, war Mutter, Tochter, Freundin, Geliebte, Spaßvogel, Entertainerin, Gastgeberin und immer diejenige, die am besten angezogen war. Also, finde ich jedenfalls.

 

Das Geständnis

Heute bin ich häufig nur noch eins: Überfordert. Woran das liegt: Ich sag es euch. Ich habe Depressionen. Und zwar richtig. Ha! Jetzt ist es raus. Und wisst ihr, was mich richtig ankotzt? Dass es einfach zu viele Menschen gibt, die nicht über ihre Depressionen sprechen, sich nicht trauen, nach Hilfe zu fragen, weil sie Angst vor einer Stigmatisierung haben. Davor, als Sozialschmarotzer zu gelten, als Simulant, der nur zu faul ist, zum Arbeiten, sich vor sozialer Verantwortung gegenüber seinem Umfeld zu drücken oder keinen Bock mehr auf Freunde und/oder Freude hat. Es gibt tatsächlich Menschen – habe ich kürzlich noch von gehört – die sagen: „Menschen mit Depressionen sollte man direkt erschießen. Die haben schließlich keinen Mehrwert für die Gesellschaft.“ Auch für den Fall, dass ich mich wiederhole: Da könnte ich KOTZEN! Mehr noch, als über Jogi Löw oder Frauen am Steuer. Liebe Psycho-Hater: Glaubt ihr denn, ich habe mir das ausgesucht? Ich habe mir genau so wenig wie ein Krebskranker meine beschissene Krankheit ausgesucht. Und sie kann mindestens genau so tödlich enden. Und für alle Skeptiker: Mittlerweile ist es sogar wissenschaftlich nachgewiesen, dass Depressionen auch KÖRPERLICHE Ursachen hat. Bei einer Depression ist der Stoffwechsel des Gehirns verändert. Neurotransmitter, Rezeptoren, Hormone – Dinge sind durcheinander geraten und nicht so einfach wieder in Ordnung zu bringen. Geistig. Aber eben auch körperlich.

Ach, was rege ich mich auf

Nicht jeden geht meine Geschichte etwas an. Meine Geschichte, WARUM ich häufig antriebslos bin, gewisse Dinge – wie etwa Vollzeit-Arbeiten gehen, nicht mehr tun kann, oder warum ich ganz oft kurz vor dem Treffen eine Verabredung absagen muss. Aber: Ich gehe offen mit meinen Depressionen um. Ich finde, mein Umfeld sollte wissen, worauf es sich bei mir einlässt. Meine Familie und meine wahren Freunde akzeptieren das. Und unterstützen mich. Helfen mir auf meinem Weg. Dadurch geht es mir besser. Also redet darüber! Depressionen bedeuten nämlich nicht, dass ich nicht mehr lebensfroh sein kann. Ganz im Gegenteil. Ich bin trotzdem noch immer Mutter, Tochter, Freundin, Spaßvogel, Entertainerin, Mitarbeiterin und Gastgeberin. Nur halt nicht mehr so intensiv wie früher. Nicht mehr so oft oder vielleicht auch nicht mehr ganz so verlässlich, wie sich manche Menschen das gerne wünschen. Nur am besten angezogen bin ich immer noch. Jederzeit.

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